Der Markt für Tierkranken- und OP-Versicherungen wächst in der Nachfrage und den Abschlüssen. Was lange als Nischenprodukt galt, hat sich zu einem ernstzunehmenden Segment der Kompositversicherung entwickelt. Laut (IVH/ZZF (2024): Heimtiermarkt Deutschland) lebten rund 16,7 Millionen Katzen und 10,6 Millionen Hunde in deutschen Haushalten, die Versicherungsdurchdringung ist dabei noch immer gering. Das Prämienvolumen erreichte 2024 rund 700 Millionen Euro, eine Verdopplung gegenüber 2020 (hello-safe.de, 2025). Branchenexperten prognostizieren ein jährliches Wachstum von 12 bis 15 Prozent bis 2030. Laut (asscompact.de (2024) könnte das Marktvolumen noch um bis zu 50 Prozent steigen, wenn die latente Nachfrage konsequent erschlossen wird. Der Markt ist offen. Die Frage für Produktverantwortliche lautet also nicht mehr ob, sondern wie man dieses Potenzial gezielt erschließt.
Im Tierkranken- und OP-Update 2026 haben wir insgesamt 151 Tarife in sechs eigenständigen Kriterienkatalogen für Hund, Katze und Pferd systematisch nach dem Ja-/Nein-Prinzip geprüft. Das Ergebnis zeigt: Die Unterschiede zwischen den Produkten sind deutlich, und zeigt, wie vielfältig die Produktphilosophien im Markt ausgeprägt sind.
Die gestiegenen Lebenshaltungskosten verändern das Marktumfeld zusätzlich. Tierarztkosten steigen, nicht zuletzt durch die Novellierung der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) im Jahr 2022. Einzelne Gesellschaften haben ihre Prämien 2025 und 2026 angepasst. Das ist ein Kostendruck für den Versicherungsnehmer. Gleichzeitig ist er ein Argument für den Abschluss einer Absicherung, bevor die Kosten weiter steigen. Versicherungen erfüllen in wirtschaftlich angespannten Zeiten eine besondere Funktion: Sie geben ein Gefühl von Kontrolle und finanzieller Sicherheit. Trotz allgemeinen Kostendrucks zeigen Marktdaten, dass die Ausgabebereitschaft für Haustiere vergleichsweise konjunkturresistent ist (versicherungsprofi.online, 2024). Haustiere werden emotional wie Familienmitglieder behandelt.
Bereits bei den Basisparametern zeigt unsere Analyse ein weites Spektrum. Das Höchstaufnahmealter variiert zwischen vier Jahren und unbegrenzt, der analysierte Durchschnitt liegt bei acht Jahren. Einige Anbieter setzen bewusst auf jüngere Tiere und damit auf ein schmaleres Risikoprofil. Andere öffnen sich ohne Altersbegrenzung einem breiteren Kundensegment. Allgemeine Wartezeiten liegen laut unseren Auswertungen zwischen einem und drei Monaten, der Analysedurchschnitt beträgt zwei Monate. Die Jahreshöchstentschädigung für allgemeine Behandlungen reicht von rund 400 Euro in Basistarifen bis zur unbegrenzten Kostenübernahme in Premiumkonzepten, mit einem Analysedurchschnitt von 4.000 Euro. Bei Operationen beginnt die Bandbreite gemäß unserer Untersuchung bei 2.500 Euro im Basistarif, während Premiumtarife keine Obergrenze kennen. Nachbehandlungskosten nach Operationen werden in Basistarifen für zehn Tage erstattet, Premiumtarife setzen hier keine zeitliche Begrenzung.
Ein zentrales Thema unserer aktuellen Analyse ist der Umgang der Tarife mit der GOT-Anpassung von 2022. Die aktualisierte Gebührenordnung hat das Abrechnungsniveau in der tierärztlichen Praxis spürbar angehoben. Die Analyse zeigt, dass der GOT-Satz, bis zu den Leistungen erstattet werden, die zwischen dem zweifachen und dem vierfachen Satz variiert. Für Produktverantwortliche ist es daher sinnvoll zu prüfen, ob der eigene Tarif den aktuellen Abrechnungsgegebenheiten der Praxis noch entspricht und welche Positionierung im Marktvergleich angestrebt wird.
Deutliche Unterschiede zeigen sich im Umgang mit Vorerkrankungen und Rasseausschlüssen. Ein Teil der Anbieter schließt Rassen mit bekannten erblichen Erkrankungen pauschal aus. Andere nehmen die Rasse in den Versicherungsschutz auf und schließen lediglich die spezifische Erkrankung aus. Beide Ansätze folgen einer nachvollziehbaren Logik und sind mit unterschiedlichen Konsequenzen für Risikostruktur und Aufnahmebreite verbunden. Welcher Ansatz besser zum eigenen Produkt passt, hängt von der jeweiligen Produktstrategie ab. Gesundheitsvorsorgeleistungen sind im Markt noch kein einheitlicher Standard. In Tarifen mit entsprechender Abdeckung liegt die durchschnittliche Übernahme bei 100 Euro. Die Frage, ob Vorsorge als fester Bestandteil oder als optionaler Baustein konzipiert wird, beeinflusst das Leistungsbild eines Tarifs und spricht unterschiedliche Kundenbedürfnisse an.
Neben den klassischen Leistungsparametern zeigt die Analyse, welche Zusatzbausteine den Markt derzeit prägen. Notfall-Unterbringungskosten für das Tier bei Krankheit des Versicherungsnehmers, Assistanceleistungen, Vorsorgebausteine, Zahntarife sowie Sterbegeld werden zunehmend als eigenständige Module eingesetzt. Sie sind noch kein Marktstandard, gewinnen aber als Differenzierungsmerkmal an Bedeutung. Ebenfalls relevant ist die Übernahme von Wegegeldern für den Tierarzt bei nicht transportfähigen Tieren. Nur ein Teil der Anbieter deckt diese Kosten ab.
Der Bereich Pferd bildet ein eigenständiges Segment innerhalb der Tierversicherung. Durch den überschaubaren Anbieterkreis sind Marktvergleiche differenziert zu betrachten, gleichwohl liefert die Analyse aufschlussreiche Einblicke. Die Jahreshöchstentschädigung allgemeiner Behandlungen bewegt sich zwischen 1.000 Euro im Basistarif und 50.000 Euro in Premiumtarifen. Bei Operationen liegt die Bandbreite zwischen 7.500 Euro im Basistarif und unbegrenzter Leistungshöhe in Premiumkonzepten. Auffällig ist, dass die Erstattung tierärztlicher Leistungen bei Pferdetarifen überwiegend auf den zweifachen GOT-Satz begrenzt ist.
Grundsätzlich steht Versicherern das Recht zu, einen Vertrag nach einem Schadenfall ordentlich zum Ende der Laufzeit oder außerordentlich nach Inanspruchnahme von Leistungen zu kündigen. Das ist versicherungsrechtlich zulässig und in vielen Tarifbedingungen explizit geregelt. Die Brisanz entsteht in der Praxis. Tritt der Leistungsfall genau dann ein, wenn das Tier älter oder chronisch erkrankt ist, steht der Versicherungsnehmer nach einer Kündigung häufig ohne realistische Möglichkeit da, einen neuen Versicherungsschutz zu vergleichbaren Konditionen zu finden. Jahrelange Beitragszahlungen haben in diesem Moment keinen dauerhaften Schutz erzeugt. Das wird von Verbraucherschutzseite und in der Fachpresse zunehmend kritisch bewertet.
Die Analyse zeigt, dass lediglich drei Anbieter in ihren Tarifen vollständig auf das Kündigungsrecht im Versicherungsfall verzichten. Der überwiegende Teil des Marktes behält sich dieses Recht vor, teils mit definierten Ausnahmen nach einer Mindestlaufzeit von häufig drei Jahren. Für Produktverantwortliche ist das ein relevanter Gestaltungsparameter. Ein expliziter Verzicht auf das Kündigungsrecht kann ein wahrnehmbares Vertrauensmerkmal sein und die Produktpositionierung im Wettbewerb nachhaltig stärken.
Die Analyse von 151 Tarifen zeigt: Die Tierkranken- und OP-Versicherung ist kein homogener Markt. GOT-Satz, Aufnahmealter, Wartezeiten, Umgang mit Rasseausschlüssen und Zusatzbausteine werden von den Anbietern unterschiedlich gewichtet. Das eröffnet Spielräume für eine klare Produktpositionierung. Der Markt und die Nachfrage wachsen, und die Haustierhalterschaft ist loyal.
Beitrag von Christina Frese
Versicherungsanalystin Komposit
ASCORE Das Scoring GmbH

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